Einleitung

Muss man vielleicht also Trennungen vornehmen bei der Beschreibung von Wirklichkeiten, nämlich geistige und körperliche ? Dann könnte es ja so sein, dass andere Wirklichkeiten neben unserer existieren, wir sie jedoch nicht erkennen können, genauso wenig wie wir unsere eigenen ganz erfassen. Es heißt Tiere könnten vieles wahrnehmen, das nicht durch Physik oder eine andere Naturwissenschaft zu erklären ist, weigern wir uns vielleicht anderes wahrzunehmen, leugnen wir dieses einfach ?
Und treten plötzlich Überschneidungen dieser Wirklichkeiten auf, so zeigt sich der Mensch meist unfähig mit der neuen Situation fertigzuwerden, scheint nicht mehr überlebensfähig zu sein.

Normalerweise würde kein Mensch an solch einem Tag drinnen sitzen und arbeiten. Doch dieser Mann saß in seiner durchgeschwitzten Kleidung und mit scheinbar rauchendem Kopf an einem billigen und verkommenen Schreibtisch, abgewetzt durch schon so viele Ellbögen, dass stellenweise die alte Lackierung bis auf das Holz weggerieben war. Vor ihm stand eine alte, abgenutzte Reiseschreibmaschine, die bei jedem der so seltenen Anschläge ein schauerliches Knarren von sich gab. Er schien sich ernsthaft mit der schwierigen Arbeit des Schreibens zu befassen, doch ein riesiger Berg an zusammengeknüllten, mit nur wenigen Worten, beschriebenen Seiten zeugten davon, dass die scheußliche Hitze von über dreißig Grad dieses Unterfangen nicht gerade unterstützte.
Der Mann griff erneut zu der neben ihm stehenden Wasserkaraffe, um sich das Glas zu füllen. Bilder wirbelten durch seinen Kopf, hell und ohne Schatten. Er blickte nach draußen in die mit gleißender Helligkeit am Himmel stehende Sonne. Irgendwie ließen sich die Bilder nicht greifen und festhalten und damit zu Papier bringen, sie glitten ihm wie Wasser zwischen den gedanklichen Fingern hindurch. Die Landschaft, durch die Hitze der letzten Tage zu einem dürren Gelb gefärbt, fing an sich vor seinen Augen zu drehen.
Übelkeit stieg in dumpfen Wellen von seinem Mager her auf, ein roter Schleier bildetet sich vor seinen Augen und trübte die ebenfalls gelblichen Bilder. Er schloss die Augen, wischte sich den Schweiß mit seinem Handrücken von der Stirn, und hoffte, dass es ihm doch endlich gelingen möge, die Bilder einzufangen, denn der Abgabetermin an seinen Verlag war nicht mehr weit. Selbst durch seine geschlossenen Augen hindurch, war die Sonne noch immer grell und hinterließ Flecken auf der Netzhaut.
Geräusche rissen ihn aus seiner Selbstversunkenheit, so dass er, wenn auch mit langsamer und träger Bewegung, die Augen öffnete. Schritte im Treppenhaus schallten durch die geschlossene Tür zu ihm hin, ergaben einen seltsamen Rhythmus, der monoton schien, ihn aber an irgendetwas erinnerte. Er zählte die Schritte leise murmelnd mit und kam zu dem Ergebnis, dass diese unbekannte Person inzwischen im zweiten Stockwerk angekommen sein musste. Wahrscheinlich Besuch für die dort wohnenden Nachbarn, von denen er in den Wochen, in denen er nun hier wohnte, nie etwas gesehen hatte, ja sogar zweifelte, ob sie überhaupt existierten.
Doch die Schritte fuhren fort in ihrem Rhythmus, Schuhe trafen erneut auf Treppenstufen, die hoch in das dritte Stockwerk führten.
Seine Gedanken fingen wieder an abzuschweifen, füllten sich diesmal jedoch mit bunten Frühlingsbildern. Und wieder holten ihn die Schritte in die Wirklichkeit zurück, denn sie kamen die Treppe zu dem Stockwerk hoch, in dem er alleine sein Zimmer hatte. Ein seltsames beschlich den Mann, jenes , das immer dann auftaucht, wenn man meint, eine Situation schon einmal erlebt zu haben. Das Gesicht der Tür zugewandt mit eben aus diesem Gefühl heraus erweiterten Pupillen, wartete er auf die stetig näherkommenden Schritte. Wieder zählte er die dumpfen Laute mit. Jetzt müsste er bei der Tür sein, und tatsächlich, wie auf ein Kommando hin, blieben weitere Geräusche aus. Dann setzte ein neues Geräusch ein, rascheln wie von trockenem Laub an einem sonnigen Herbstmorgen erklang, füllte die ansonsten absolute Stille aus, dass es einem fast schmerzhaft in den Ohren klang.