Gemütlich nahm er Platz, öffnete vorne kurz sein Kostüm, um mit seiner Hand in eine der vielen Innentaschen zu greifen, und dann, als seine Finger etwas ertastet hatten, schloss sich seine Hand zur Faust und zog dieses aus der Tasche. Den so erhaltenen Gegenstand legte er auf die Tischfläche, um sein Kostüm wieder zu schließen. Dort im Sonnenlicht blitzte nun ein Skalpell, welches durch die Reflexe nur noch um so gefährlicher aussah. Der Harlekin nahm die Klinge in die Hand, hielt sie kurz vor die Augen, wie um zu prüfen, ob diese auch sauber sei, und bewunderte die Ebenmäßigkeit der Klinge, die doch erst so ihre volle Eleganz zeigte.
Weißes Papier, als letztes Überbleibsel gescheiteter Versuche, lag vor dem Harlekin auf dem Tisch und schien auf etwas zu warten. Nicht willig es noch länger warten zu lassen, spitzte er seinen Zeigefinger an, wobei er erst vorsichtig die Stoffhülle entfernte, um dann eine haarfein geschnittene Spitze zustande zu bringen. Zuerst noch mit blassroter Schrift, dann jedoch, nachdem er ein paar Kringel auf dem Papier gezogen hatte, mit kräftiger werdender Farbe, fing er an zu schreiben. Seite auf Seite füllte er mit einer kleinen, aber doch gut lesbaren Schrift, es schien als wollte er nicht enden. Man konnte die Zahl der Sonnenauf- und Sonnenuntergänge schon nicht mehr zählen, als die Farbe blasser wurde. Immer war das Wetter sonnig gewesen, doch nun, wie auf ein Zeichen hin, zogen Wolken am Himmel auf, trübten den blauen Anblick durch zartweiße Schleier.
Schon während des ganzen Schreibens war der Harlekin immer blasser geworden, und nun, als der letzte Tropfen Blut verbraucht war, fiel von einer Sekunde zur anderen das Kostüm, kurz nachdem er den Schlusspunkt gesetzt hatte, mit einem leichten Säuseln gleich einer leeren Hülle zusammen.
Wie eine Feder die zu Boden schwebt, schaukelte es leicht in einer kaum wahrzunehmenden Brise, und die Stille, die so lange durch das Kratzen einer Feder aus diesem Zimmer ausgesperrt worden war, nahm wieder ihren rechtlichen Platz ein.
Eine Ranke des Efeus regte sich, zuerst indem nur die Blätterspitzen zitterten, dann, als wenn es einen inneren Widerstand überwunden hätte, setzte sich die Ranke ganz in Bewegung und kroch über den Tisch auf den Boden. Am Kostüm angekommen, wickelte sie sich um es und fing an, es zu einer kleinen Kugel zu formen. Erstaunlich klein war diese Kugel, doch der Stoff war auch sehr dünn und leicht. Nun zog sich die Ranke mit der Kugel zurück, um, auf dem Tisch angekommen, sich kurz anzuspannen, und dann die Kugel mit einem Ruck durch das nur schmal geöffnete Fenster zu schleudern. Ein letztes Zittern durchlief die fleißige aber sehr ausgedörrte Pflanze, und auch sie sank zusammen. Die Stille war vollkommen.
Sie nistete sich ein, füllte die letzten Winkel des Raumes mit ihrem akustischen Nichts, war allumfassend.
Die Wolken verzogen sich wieder, das Zimmer lag schonungslos in der Hitze da, die aufsteigende Wärme ließ die Luft flimmern, bis plötzlich ein Windstoß durch das geöffnete Fenster fuhr, dieses weit aufriss, und mit seiner Gewalt in den Stapel beschriebener Seiten drang, diesen durcheinanderwirbelte, so dass eine Seite offen auf dem Schreibtisch liegen blieb.

Buchstaben formierten sich, Farben bildeten sich, in chaotischen Bewegungen durcheinanderfahrend, ein erstes Bild erschien, zuerst noch verzerrt und undeutlich, doch dann




1987, (c) Dirk Bätjer